Manipultaion einer Schutzeinrichtung
Gefährliche Manipultaion

Das ist verboten

Manipultaion einer Schutzeinrichtung
Gefährliche Manipultaion

Manipulation von Schutzeinrichtungen an Maschinen: Schadensfall ist nur Frage der Zeit

von Andreas Stoye
Akzente 4/2011 | Magazin für Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Rehabilitation

Schutzeinrichtungen an Maschinen verhindern, dass Mensch und Gefahr zusammentreffen. Wird eine Schutzeinrichtung unwirksam gemacht, ist der Mensch – im wahrsten Sinne des Wortes – der Gefahr schutzlos ausgesetzt. Dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis es zum Schadensfall kommt. Wann es so weit ist, vermag niemand genau vorherzusagen. Sicher ist jedoch: Vorhandene Risiken haben irgendwann - teilweise dramatische - Folgen.


Wer Schutzeinrichtungen an Maschinen manipuliert, schafft damit automatisch ein hohes Risikopotenzial. Es ist bekannt, dass ein vorhandenes Risiko urplötzlich einen Schadensfall nach sich zieht: einen Unfall mit Personenschaden, eine Produktverunreinigung oder auch die Freisetzung unerwünschter Emissionen mit Umweltschäden. Die hohen Risiken und die damit verbundenen Gefährdungen werden aber immer wieder leichtfertig in Kauf genommen. Mehr noch: Manipulationen sind vielfach ganz normaler Bestandteil des Arbeitsalltags. Dem gilt es entgegenzuwirken. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, etwas gegen Manipulationen zu unternehmen. Einen entscheidenden Beitrag können und müssen die Maschinenhersteller leisten.

Oberste Herstelleraufgabe: Manipulationen überflüssig machen
Der Gesetzgeber verpflichtet in der Maschinenrichtlinie 2006/42/EG die Maschinenhersteller, eine Maschine so zu konstruieren und zu bauen, dass eine nicht bestimmungsgemäße Verwendung verhindert ist, falls diese ein Risiko mit sich bringt. Zweifelsohne gehört auch die Manipulation zu einer nicht bestimmungsgemäßen Verwendung. Insofern muss der Hersteller schon bei der Konzeption seiner Maschine die Verhinderung – und nicht nur die Vermeidung – einer möglichen Manipulation umsetzen. Eine in der Tat qualitativ anspruchsvolle Verpflichtung.
Hierzu gehört in erster Linie, den Anlass einer Manipulation überflüssig zu machen. Das ist der Fall, wenn die Bedienung der Maschine durchdacht, benutzerfreundlich und sicher ist und eine Manipulation keinen weiteren Vorteil bringt. Das heißt: Es muss für das Bedienpersonal attraktiver sein, die Maschine bestimmungsgemäß zu benutzen, als sie zu manipulieren. Dazu kann ein Maximum an Bedienkomfort beitragen.

ES WIRD VIEL MANIPULIERT

Häufigster Manipulationsgrund: Zeit sparen
2007 hatte die BGN rund 500 Sicherheitsfachkräfte aus Mitgliedsbetrieben aufgefordert, ihre Erfahrungen mit Manipulationen in einem Internetfragebogen mitzuteilen. Rund 73% aller Befragten hatten von Manipulationen in ihren Unternehmen Kenntnis. Die Dunkelziffer dürfte noch höher liegen.


Ähnliche Ergebnisse liefern der »Report: Manipulation von Schutzeinrichtungen an Maschinen«, Hrsg. Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften (HVBG, heute DGUV), Sankt Augustin 2006 (www.dguv.de/bgia , Webcode d6303) und Untersuchungen der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA, www.suva.ch ).

Die Erkenntnis, dass Schutzeinrichtungen manipuliert werden, überraschte nicht wirklich. Jedoch macht die Größenordnung der ermittelten Zahlen den tatsächlichen Umfang der sonst eher im Verborgenen gebliebenen Manipulationen deutlich. Spitzenreiter der genannten Manipulationsgründe ist die Zeitersparnis



Schutzeinrichtungen kommen erst an 2. Stelle
Viele Schutzeinrichtungen werden manipuliert, weil das Bedienpersonal sie bei bestimmten Arbeitsaufgaben als störend empfindet oder weil sie tatsächlich störend sind. Hier kommen wir an den Punkt zu hinterfragen, ob die Schutzeinrichtung dann wirklich die beste Lösung zur Verhinderung von Gefährdungen ist. Wurde vorher die weit bessere Möglichkeit, eine inhärent sichere Maschine zu bauen, eingehend geprüft? Inhärent bedeutet »einer Sache innewohnend« und im Zusammenhang mit Maschinen »eigensicher«.
Fakt ist nämlich: Die Maschinenrichtlinie verpflichtet zur Anwendung einer vorgegebenen Maßnahmenhierarchie. Dort steht die inhärent sichere Maschine an erster Stelle. Sie hat somit 1.
Schutzeinrichtung
Priorität. Ein Beispiel: Bei einer Quetschstelle muss der Hersteller zunächst prüfen, ob er die Gefährdung auf konstruktivem Weg verhindern kann, indem er Mindestabstände einhält (siehe DIN EN 349). Oder indem sich die wirkenden Energien auf ein ungefährliches Maß reduzieren lassen. Ist dies möglich, ohne die Funktion der Maschine zu beeinträchtigen, dann ist der Hersteller verpflichtet, diese konstruktiven Lösungen anzuwenden. Vorteil für Betreiber: Eine Schutzeinrichtung, die es ja nicht zum Nulltarif gibt, erübrigt sich. Und wenn die Maschine zur Sicherung der Gefahrstellen keine Schutzeinrichtung braucht, dann fallen auch keine Kosten für deren Wartung und Instandhaltung an.
Schutzeinrichtungen zur Verhinderung von Gefährdungen haben laut Maschinenrichtlinie 2. Priorität. Sind Schutzeinrichtungen nicht vermeidbar, können sie aber manipulationssicher gestaltet werden. Das lässt sich mit entsprechenden Bauteilen realisieren. Da der Hersteller »auch jede vernünftigerweise vorhersehbare Fehlanwendung der Maschine in Betracht ziehen« (RL 2006/42/EG, Anhang I, 1.1.2c) muss, muss er auch den Einsatz »privater« Betätiger verhindern – und nicht nur erschweren. Diese Ersatzstücke werden häufig bei der Manipulation von Schaltern der Bauart 2 an verriegelten Zugangstüren verwendet.